Kulturwandel

Regeln für den Kulturkampf – der Code of Conduct

  • • Woher kommt der Bedarf nach einem Code of Conduct in Kulturorganisationen?
  • • Welche Funktion hat er?
  • • Welche Inhalte gehören hinein?
  • • Wie kann er eine Organisation stärken?

Codes of Conduct grenzen richtiges von falschem Verhalten ab. Sie sollen Menschen und Organisationen vor respektlosem Verhalten schützen – insbesondere vor Angriffen von Rechtsaußen. Hinter diesem Schutzbedürfnis steht ein Ideal: der Glaube daran, dass ein respektvoller Umgang miteinander nicht nur Einzelne, sondern auch das Gemeinwesen schützt und stärkt. Codes of Conduct sind daher als grundlegende gesellschaftliche Verträge zu verstehen.

Gerade weil sie so grundlegend sind, erklärt sich ihre gegenwärtige Konjunktur. Formen des respektvollen Umgangs, die lange als selbstverständlich galten, geraten zunehmend ins Wanken. Wir erleben dies beinahe täglich und spüren eine wachsende Verunsicherung. Je größer diese Verunsicherung, desto stärker wird das Bedürfnis nach klaren Regeln.

Der Anspruch an Codes of Conduct ist folglich hoch: Sie sollen in unsicheren Zeiten wehrhaft machen und Sicherheit geben. Doch ist die Hoffnung auf die Wirkung eines solchen Regeldokuments gerechtfertigt?

 Ein Code of Conduct regelt Verhaltensweisen 

Um zu verstehen, wie ein Code of Conduct wirkt, lohnt sich eine klare Abgrenzung zu anderen Corporate-Identity-Dokumenten. Ein CoC ist weder eine sinnstiftende Vision („Wir verstehen uns als …“), noch eine gesellschaftliche Zweckformulierung („Wir tragen bei zu einer Kultur der …“), kein Mission Statement („Wir machen …“), keine Sammlung wünschenswerter Haltungen („Wir schauen über den Tellerrand hinaus“), keine Definition („Ein Museum ist eine nicht gewinnorientierte …“) und auch keine ethische Grundlegung spezifischen organisationalen Handelns („Wir gehen respektvoll mit sakralen Gegenständen um“).

Ein Code of Conduct versammelt verbindliche Regeln für den Umgang miteinander – für Menschen, die sich innerhalb einer Organisation bewegen oder ihr gegenüber auftreten. Während die genannten Dokumente beschreiben, was sein könnte oder sollte, formuliert ein CoC, was nicht sein darf. Die dort festgehaltenen Regeln sind weder verhandelbar noch beliebig interpretierbar. Sie haben Gesetzescharakter – und genau daraus ergibt sich ihre Wirkweise: Gesetze gelten immer und für alle.

 Ein Regelheft mit unbegrenzter Geltung 

Ein Code of Conduct umfasst in der Regel vier Themenbereiche:

  • • die Benennung unerwünschter Verhaltensweisen wie Gewalt, Belästigung oder Zerstörung,
  • • die Beschreibung des sozio-kulturellen und rechtlichen Rahmens, in dem sich eine Organisation bewegt,
  • • die Darstellung des organisationalen Wertesystems sowie
  • • die Festlegung von Konsequenzen bei Regelverstößen.

Unerwünschte Verhaltensweisen und die daraus folgenden Konsequenzen lassen sich vergleichsweise klar bestimmen. Gleiches gilt für den rechtlichen Rahmen, etwa das Grundgesetz oder das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Komplexer ist meist die Bezugnahme auf den soziokulturellen Kontext und das eigene Wertesystem. Hilfreich können hier bestehende Referenzsysteme sein, etwa die ICOM-Definition für Museen oder die Definition des International Theatre Institute (ITI) für die darstellenden Künste. Wo solche Definitionen fehlen, können branchenweite Standards Orientierung bieten – ein Filmfestival etwa kann sich auf eine in der Community geteilte Auffassung von künstlerischer Freiheit beziehen.

 Niemand ist unverwundbar – auch nicht mit einem Code of Conduct

Zurück zur Ausgangsfrage: Macht ein Code of Conduct eine Organisation unverwundbar gegenüber öffentlich ausgetragene Angriffen ? Unverwundbar macht er sie keineswegs. Stärken kann er sie jedoch in jedem Fall. Da es zahlreiche Wege gibt, einen Code of Conduct zu missachten, reicht ein solches Regelwerk allein nicht aus. Es muss eingebettet sein in eine systematische und vorausschauende Krisenkommunikation.